Verlangen

Scham, schlechtes Gewissen, Enttäuschung und Vorwürfe stehen dem guten Gefühl von Befreiung, Loslassen, Erleichterung, Stärke und Kontrolle gegenüber. In meinem Kopf ein totales Durcheinander, ein Gedankenchaos, das mich fertig macht. Anspannung und Druck bilden ein Verlangen nach einem Fressanfall. Die Forderung ist da, ist stark, ist verlockend und überzeugend. Ich kämpfe dagegen an, doch eine Mauer, die es zu überwinden gilt, scheint nicht vorhanden zu sein. Aber ich will es nicht, will nicht nochmal essen und kotzen heute, habe es schon zweimal getan. Habe mir nach gestern geschworen doch wieder aufzuhören. Es ist doch Quatsch weiter zu machen. Einmal noch, auf das kommt es jetzt auch nicht mehr an. Lass es zu, dann musst du nicht mehr kämpfen, lass dich einfach fallen und den ganzen Druck los. Beweise dir wie stark du bist, indem du alles wieder auskotzt was du isst, beweise dir so, dass du die Kontrolle hast. – Doris lockt zum Fressanfall. Doch es würde nicht bei einem Mal bleiben, ist es gestern auch nicht. Ich will nicht tiefer hinein in den Strudel, will nicht das kotzen zu kotzen führt. Denn die Gedanken nach dem kotzen sind nicht nur schön, nein ganz im Gegenteil. Ja zuerst fühlt es sich gut an das „schlechte“ Essen, das dick macht, wieder loszusein. Ich habe es geschafft. Ich habe die Kontrolle. Ich bin stark, denn ich kann ja essen ohne dick zu werden, ich kann einfach alles wieder rauskotzen. Doch dann kommen die Zweifel. Ist jetzt wirklich alles draußen, auch wenn nur noch Magensäure kam? Lieber noch mal was trinken und erbrechen, zum rausspülen von den vermeintlichen Restern. Danach die Vorwürfe. Wieso habe ich es schon wieder getan? Ich weiß doch das es falsch ist. Ich bin schwach und kriege es einfach nicht auf die Reihe. Jetzt habe ich wieder alle enttäuscht und auch mich selbst, ich wollte es doch schaffen. Hoffentlich ist das Kalium jetzt nicht zu sehr runter gegangen. Wieso bin ich denn auch zu blöd um aufzuhören. Ich will es doch gar nicht, es ist einfach nur anstrengend. Das Schamgefühl nimmt überhand, am liebsten würde ich im Erdboden versinken, nie darüber reden, doch ich setze meine Maske auf und lasse mir nichts anmerken, darin bin ich geübt und einfach gut. Doch selbst jetzt schwingen noch die falschen guten Gefühle nach. Es hat dir geholfen den Druck und die Anspannung loszuwerden. Die Zahl auf der Waage ist morgen bestimmt kleiner. Durch das Fressen und Kotzen konntest du mal abschalten und so zur Ruhe kommen. Hahaha, echt blöde Gedanken, wenn man die mal aufgeschrieben sieht. Denn das Kotzen, das schlechte Gewissen danach, die Zweifel, Scham und Vorwürfe bauen einen neuen anderen Druck auf und da ich mit dem dann nicht klar komme und ich manchmal einfach noch keinen anderen Weg finde, gehe ich wieder kotzen. Es ist ein verdammter Kreislauf. Aber da will ich raus. Hab mir nach meinem Therapiegespräch heute vorgenommen, nicht mehr zu kotzen. Ja das Gespräch war gut und ich denke ganz sinnvoll, ich habe geredet, geredet und erzählt, wie es mir die letzten Wochen so ergangen ist und wir haben vor allem geschaut, was hinter dem essen und kotzen steht (hab ich zwar in der Therapie schon tausende Male analysiert, aber es sind jedes Mal neue Erkenntnisse) und worauf wir in Zukunft schauen wollen. Irgendwie habe ich neue Kraft und Kampfeswillen gegen das verzwickte Verlangen bekommen. Bis jetzt habe ich zwar nur 3 Mandarinen gegessen, aber wenigstens, seit heute früh den 2 mal, nicht mehr gekotzt. Ich muss die lauten Gedanken jetzt aushalten. Das schlechte Gewissen und das Schamgefühl in Kauf nehmen und einfach akzeptieren. Ja es war falsch, aber jetzt kann ich es richtig machen und aufhören. Denk an den Jakobsweg, an deine Elektrolyte, an deine Gesundheit… Doch es rattert die ganze Zeit in meinem Kopf: Aber wieso wieso wieso … wieso habe ich es denn gemacht, wieso habe ich es zugelassen, wieso war ich nicht stark genug? Ich habe versagt. Dann kann ich jetzt auch weiterkotzen… Aber das werde ich heute nicht mehr, denn mit jedem Mal kotzen reite ich mich doch nur mehr rein, schade ich nur noch mehr mir selbst. Widerstehen, ignorieren, aber doch wahrnehmen und akzeptieren der Gedanken. Das Verlangen ist da ich spüre es, aber ich muss ihm nicht gehorchen, muss den Fressanfall nicht ausführen. Ich kann entscheiden ob ich fresse und kotze oder nicht. Müssen tue ich nichts, doch es ist bis zu einem gewissen Grad meine Entscheidung, ob ich abschalte oder nicht, ob ich es zulasse, dass die Essstörung Besitz von mir ergreift oder nicht. 

Ich fühle mich schwach. Doris redet mir ein ich bin durch das Kotzen stark. Doch eigentlich bin ich stark, wenn ich Doris widerstehe, wenn ich dazu stehe schwach zu sein. Ach verdammt ist das kompliziert und alles nur weil ich mit meinen Gefühlen nicht klar komme und mich nicht selbst annehmen und anerkennen kann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s