Schritte vor und zurück

Mein Tag heute in einem Wort beschrieben: ereignisreich. 

Das Meer ist unruhig und nebelverhangen, riesengroß und warnend rot geht die Sonne auf, doch ich wende den Blick ab. Die Wellen werden höher und schlagen in mein Gesicht, ich rudere und schnappe nach Luft.

Nachdem ich gestern krankheitsbedingt das Bett gehütet habe, verließ ich es heute schon ziemlich früh. Immer noch angegriffen von der blöden Erkältung (aber was solls, es muss ja…) stieg ich gegen 8 Uhr ins Auto und fuhr gespannt und erwartungsvoll zu einer Wohnungsbesichtigung nach Erfurt. Im Anschluss folgte gleich die Nächste. Die zweite Wohnung, eine voll ausgestattete, 2 Zimmerwohnung in einer ruhigeren Gegend zu einem erschwinglichem Mietpreis, sagte mir zu und laut Vermieter habe ich sehr gute Chancen (er wollte sich morgen nochmal melden). Somit ist eine Baustelle schon hoffentlich bald beseitigt auf meinem Weg zurück ins Studentenleben nach der Klinik. Nach der Besichtigung war ich selber überrascht und erfreut, wie schnell es doch ging wieder Fuß zu fassen. Ja dieses Ereignis würde ich als auf jeden Fall als motivierend einstufen. Danach bot sich Zeit für einen kleinen Stadtbummel. Ich tätigte einige Besorgungen für den Jakobsweg, wie ein kleines Spanischwörterbuch, eine kleine Handbürste, Blasenpflaster usw… Die Zeit verging erstaunlich schnell. Um 14 Uhr hatte ich einen Termin zur BIA-Messung (mit der Bioelektrische Impedanzanalyse kann unter anderem die Körperzusammensetzung bestimmt werden, sie ermöglicht Aussagen über den Anteil an Fettmasse, Körperwasser und Skelettmuskelmasse). Eine solche Bestandsaufnahme interessierte mich schon längere Zeit und gerade im Hinblick auf meine bevorstehende Wanderung ist ein Vorher-Nachher-Vergleich bestimmt nützlich, zumal eventueller Muskelaufbau ja auch die Zahl auf der Waage steigen lässt. Tja, was kam raus? In jedem Bereich ein lachender Smiley, also alles Bestens. Nachdem vor einigen Monaten garantiert noch einige Mangelerscheinungen zu sehen gewesen wären, war heute nichts mehr davon zu erkennen. Meine 55 kg kann ich nun in 19 kg Knochen, Bindegewebe, Wasser usw, in 21 kg Muskel- und Organzellmasse, Wasser und 15 kg Körperfett unterteilen. Damit bestehe ich nur etwas mehr als 1/4 aus Fett. Der Richtwert für Körperfett liegt bei ca. 14-25 kg (d.h. man benötigt min. 14 kg Fett). Das Fett braucht der Körper zum Schutz, hauptsächlich liegt es als Fettschicht unter der gesamten Hautfläche, welche sonst durchscheinend wäre. Bei meiner Größe von 1,68 m kommt also auf ca. 11 cm ein Kilo Fett (Mist, jetzt hört es sich doch etwas viel an… wieso muss ich auch immer alles zerdenken?). Alles in allem verbuche ich die Messung jedoch als erfolgreich. Überall im grünen Bereich an der unteren Grenze der Normalwerte, gute Ergebnisse oder? War das nicht ein super Schritt in die richtige Richtung, ein Schritt zur Akzeptanz meines Körpers? Es war doch ein guter erfolgreicher Tag bis jetzt, an dem einfach alles glatt lief. Doch es kippte. Noch bevor ich um 15 Uhr mein Studiengangberatungsgespräch wahrnahm, entweihte ich eine der unzähligen Uni-Toiletten. Ich brach nach 25 Tagen die kotzfreie Phase. Doch es lag nicht an dem Tag, es lag nicht an den guten Ereignissen, die schon vergangen waren heute, es hatte sich ein Druck einfach zu lange aufgestaut, die Gefühle waren anscheinend zu unbeachtet, zu übermächtig, das Verlangen war zu groß geworden, ich bin doch gerade erst noch in der Lernphase im Umgang mit dem  Ganzen. Schon gestern Abend klopfte Doris an und fing an sich aufzublasen. Sie freute sich total, dass ich gestern außer ein paar Nudeln nur Orangen gegessen und Tee getrunken hatte. Und während sie noch Euphorie über meine kleine Abstinenz der Nahrungsaufnahme versprühte, pflanzte sie mir Gedanken von einem wunderbaren Fressanfall am morgigen Tag ein. Doch da dachte ich noch, es unter Kontrolle zu haben, wie die letzten Male auch. Um mich für den Tag zu wappnen, aß ich ein Müsli zum Frühstück. Doris verbannte ich wie immer aus meinen Gedanken. Ich schaffte es eine Weile sie zu ignorieren. Da man mindestens 2 h vor der Messung nüchtern sein muss, blieb das Müsli bis halb 3 meine einzige Mahlzeit. Freudig empfing Doris das Hungergefühl und verlieh mir das Gefühl von Stärke und Halt (so nimmst du ab, die Zahl auf der Waage wird kleiner werden…) Immer wieder malte ich mir noch vor der Messung aus, was ich alles mal wieder Essen könnte, genug Anreize gab es in der Stadt ja….Viel zu viele Triggerpunkte, die die Verlockungen speisten. Der Gedanke an einen Fressanfall übernahm langsam die Kontrolle. Die Gedanken waren zu präsent, zu verlockend, der angestaute Druck anscheinend zu groß. Auch das Ergebnis der Messung konnte mich nicht beeinflussen, mich nicht abhalten. In Windeseile (der nächste Termin wartete ja) stattete ich Nordsee und verschiedenen Bäckern einen Besuch ab. Die Hälfte der belegten Brötchen und gefüllten Blätterteigtaschen wurde mit Kakao auf dem Weg zu Uni eingenommen. Was dann geschah schilderte ich ja schon… Pünktlich um 15 Uhr saß ich bei der Studienberatung als wäre nie was gewesen (ich beherrsche es anscheinend noch perfekt). Da ich im letzten Semester therapiebedingt keine Vorlesungen besuchen konnte, werde ich an mein Studium noch ein 7. und 8. Semester dranhängen. „Aber ist ja nicht so schlimm, ist ja nur ein Jahr, so kann ich mich richtig schön in aller Ruhe auf einen guten Abschluss konzentrieren…“ „Jajaja, trotzdem sind Gefühle des Versagens vorhanden, aber ohne Therapie hätte ich doch noch mehr versagt.“ Auf alle Fälle ließ die Uniluft meine Motivation und Vorfreude auf April aufkeimen, wenn es heißt: „Hallo Unileben, hier bin ich wieder!“

Die Lage am Abend: 6 mal gekotzt. Und ich muss (leider) sagen im Vergleich zu gestern geht es mir jetzt bombe. Der Kugelfisch (s. „Mein Kugelfisch“) scheint mit seinem Gift die Bazillen etwas abgetötet zu haben, auch wenn es etwas beschwerlich war mit einer verstopften Nase über dem Klo zu hängen (da bleibt schon mal fast die Luft weg-also alles andere als ratsam!). Der Druck und die Schwäche der Krankheit, die mich runtergezogen hat die letzten Tage, scheinen immens geschrumpft zu sein. Ich fühle eine Erleichterung und Befreiung, die Kraftlosigkeit scheint fast verschwunden. Das Kotzen symbolisiert für mich immer eine Art loslassen, frei machen (leer machen), ja einfach mal abschalten in dem ganzen Chaos. Ja Chaos und Hektik war genug in letzter Zeit, es ist auch anscheinend einfach unmöglich zur Ruhe zu kommen, mal abzuschalten. Als die Gefühle schrien „ruh dich aus“ habe ich es nicht gehört bzw. hören wollen, als sie mir sagten „nimm dir Zeit für dich“, war immer jemand da (das ist jetzt nicht auf eine bestimmte Zeit oder Situation bezogen, sondern ein allgemeiner Zustand). Als mein Körper mir sagte „du bist krank“, wollte ich nicht schwach sein und es akzeptieren (hatte doch gerade etwas Anderes vor), als er mir sagte „schlaf“, gab es so viel zu erledigen. Bei der Erfüllung der Anforderungen an mich: topfit und belastbar zu sein, alles unter Kontrolle zu haben, immer alles im Blick zu haben, nichts bei der Planung zu vergessen, habe ich versagt, ich war nicht gut genug und als Tüpfelchen über dem i kam die Erkältung. – Ich komme einfach nicht zu Ruhe. Das Meer ist unruhig, die Wellen erschlagen mich förmlich, der Sog ist stark. Ich hatte Angst den Halt, die Sicherheit zu verlieren, unkontrolliert umherzuschwimmen. Also hieß ich Doris willkommen. Doch jetzt fühle ich neben der Erleichterung auch Scham. Ja die Schamgefühle und Selbstvorwürfe sind das Schlimmste nach dem Kotzen, mal sind sie schlimmer mal nicht so schlimm, aber meist da. Ein anderes „ich habe versagt“ meldet sich. „Wie blöd bin ich eigentlich? Ich wollte doch stark sein, es schaffen, es mir und anderen beweisen. Ich schäme mich einfach nur, würde es am liebsten aus meinem Kopf streichen, es vergessen machen, aber es ist einfach da, sehr präsent.“ Und ich schäme mich dafür, dass es mir gefallen hat, dafür, dass ich den Gedanken hege nocheinmal und nocheinmal weiter zu kotzen, dafür, dass ich Erleichterung dabei gefühlt habe, dass es mir danach besser ging. Doch ich weiß es sind nur eine falsche Leichtigkeit, Kontrolle, Halt und Sicherheit, die sich gebildet haben. Es sind Gefühle, die Doris mir einredet. In Wahrheit nimmt sie mir die Kontrolle und den Halt am Leben. Wissen tu ich das, aber verstehe und spüre ich es? Ich werde es morgen sehen. Ein Lichtblick in dem ganzen Durcheinander der zwei Gedankenwelten, die gerade in meinem Kopf aufeinander prellen, ist mein erster ambulanter Therapietermin morgen. Mal sehn wie viele Schritte vor und zurück ich morgen gehen werde…

 Wieso ich das hier jetzt alles so geschrieben (gebeichtet) habe, keine Ahnung. Vermutlich musste es gerade doch mal raus und ich will lernen dazu zu stehen, ehrlich damit umzugehen, und zu der Essstörung gehört wohl oder übel auch die Rückfallgefahr dazu. Und es ist für mich einfacher, einfach darüber zu schreiben, als zu reden. 

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