Kontrollierte Gefühle

Fieber, Kopfschmerzen, Husten … mir geht es nicht sonderlich gut, ich bin k.o., einfach nur mitgenommen und krank. Reicht das als Beschreibung meines Gefühlszustandes auf die Frage: Wie geht es dir? Hach meine Gefühle und ich… Zum Ersten meine wahren Gefühle wahrnehmen und sie spüren, dann diese akzeptieren und mit ihnen umgehen. Seit der Therapie ein großes Übungsfeld für mich. In meinem Sprachgebrauch kurz: Gefühlsduselei. „Hören Sie auf ihre Gefühle“ „Was fühlen Sie“ „Wie fühlen Sie sich“- zuhauf gehörte Anweisungen und Fragestellungen in der Klinik. Ja der Umgang mit den Gefühlen oder das was damit verbunden ist (baut denn nicht alles, wie unsere Gedanken und Handlungen, irgendwie auf Gefühlen auf?), stand meist im Vordergrund der Therapie. Ich würde sogar sagen, es war das worauf sie aufbaute. Blöd für mich war nur, dass ich fast komplett aufgehört hatte auf meine Gefühle und Bedürfnisse zu hören. Während andere nach einer Therapiestunde zurückmeldeten „Die war aber anstrengend…“, konnte ich es nachvollziehen, weil wir ein intensives Thema besprochen hatten, aber beansprucht oder die Anstrengung spürte ich nie. Die Essstörung war mein Deckel, der Gefühle unter Verschluss hielt. Auf die Frage: Was steckt hinter der Essstörung? Lautet die einfache Antwort: Gefühle – der falsche Umgang mit ihnen. Nicht, dass ich ein total gefühlsloser Mensch bin oder ähnliches, ganz im Gegenteil, man beschreibt mich sogar oft als einfühlsam und eine romantische Ader habe ich auch irgendwo und Spaß und Humor haben einen Stellenwert ganz oben in meinem Leben. Ich habe es nur verlernt meine Gefühle zu spüren, auf sie zu hören, ich habe sie automatisiert. Sie eingebildet und „vorgemacht“, auch mir selbst gegenüber. Ich fühlte nicht meine Gefühle, sondern dachte meine Gefühle. Manche werden sich jetzt bestimmt denken: So ein Schwachsinn…. Aber es ist echt schwer zu erklären. Stellt euch ein Gefäß mit Wasser vor. In diesem schwimmen viele bunte Bälle, diese symbolisieren Gefühle. Die Bälle gehen nicht von alleine unter, sondern schwimmen auf der Oberfläche. Schwimmen sie auf der Oberfläche kann man sie sehen – sie spüren. Manchmal kommen Gefühle ungelegen und man unterdrückt sie, das tut wohl jeder Mensch ab und an. Dafür hat er 2 Hände mit denen er sie unter Wasser halten kann, man sieht das Gefühl dann nicht mehr – zeigt es nicht mehr. Irgendwann wird der Ball dann wieder losgelassen und kann „verarbeitet“ werden. Ein normaler Vorgang. Geht man jedoch davon aus, dass bestimmte Gefühle unerwünscht sind oder nie auf sie Rücksicht genommen wurden oder falsch verstanden wurden, versucht man sie nie mehr zu zeigen. Man verdrängt sie, versucht sie die ganze Zeit unter Wasser zu halten. Es werden immer mehr Bälle, die nicht gesehen werden dürfen und 2 Hände reichen nicht mehr aus. Also sucht man sich etwas womit man am Besten das ganze Gefäß verschließt – einen Deckel – in meinem Fall eine Essstörung. Dies war keineswegs ein bewusster Vorgang, sondern entwickelte sich unbewusst. Ich funktionierte nur noch, zeigte gelernte Gefühle von denen ich dachte, dass sie erwartet werden. Legte selber gemachte, ausgewählte Bälle auf den Deckel. Ich gab nach außen hin, war immer da, ohne auf meine Bedürfnisse zu hören, ohne zu merken, wenn ich mal auf mich hätte hören sollen. Ich spürte nicht, dass meine Batterie leer war (sogar schon im Minus) ich bemerkte nicht, wenn ich zu viel gegeben hatte und eine Pause brauchte. Die Essstörung gab mir Kraft, ließ mich stark fühlen. Inzwischen habe ich schon Fortschritte gemacht, habe gelernt, wieder meine Gefühle zuzulassen, auf sie zu hören. Ich habe eingesehen, dass die Essstörung eine falsche Stärke gibt und eigentlich Kraft nimmt. Ich habe verstanden, dass es solche und solche Gefühle gibt und alle zu mir dazu gehören. Das was man fühlt ist nicht falsch, denn es kommt vom tiefsten Inneren von einem Selbst. Ich muss lernen anzunehmen, dass ich Wut, Trauer, Angst oder Unsicherheit fühle, dass es ok ist nicht perfekt zu sein und auch mal zu versagen, weil es einfach zu mir dazu gehört.

In der Klinik wurde der Deckel Essstörung abgenommen und massig Bälle kamen unkontrolliert und auf einmal zum Vorschein. Das totale Gefühlschaos. Ich war traurig, wütend, angespannt oder einfach nur leer, meist ohne Grund und wusste nicht wirklich was damit anzufangen. Der Großteil der Therapie bestand dann darin zu lernen mit den Gefühlen umzugehen, die anzunehmen und auszuhalten und nicht wieder zu verdrängen mit der Essstörung. Es war anstrengend und unangenehm, aber es gab auch Momente wo ich meine langsam wiedergefundene Lebendigkeit genoss und es gut fande. So spürte ich Freude ganz anders und konnte voll und ganz aus tiefstem Herzen lachen. Ja die Gefühlsduselei hat mich einfach lebendiger werden lassen. Nach einem Monat Therapie habe ich einen Text über die Kontrolle der Gefühle geschrieben, es sind meine Gedanken und Versuche meine Sichtweise darauf zu erklären:

Sie verspricht eine trügerische Kontrolle, doch sie nimmt die Kontrolle,
erzeugt eine falsche Kontrolle.
Sie schafft eine vermeintliche Leere, eine verkehrte Reinheit,
doch sie hinterlässt nur eine Leere.
Ausgebreitet, wie das weite Meer,
festgesetzt, wie das Salz auf der Haut.
Ein Teil von mir – scheinbar unersetzbar, unauslöschlich.
Hat den Boden unter meinen Füßen weggeschwemmt.
Die Anstrengung über Wasser zu bleiben ist Routine.
Wie ein Nebel legt sie sich über die dunkeln Farben,
man sieht nur meine hellen Farben,
die genug Leuchtkraft haben, die sich vom Grau des Nebels abheben.
Traurigkeit, Wut, Angst, Unsicherheit, Hass, Zorn, Zweifel, Vorurteile,
Vorwürfe, Enttäuschung, Egoismus …
– jedes Gefühl eine andere dunkle Farbe – schlecht, verschrien, unerwünscht …
Es gilt sie zu vermeiden – eine eingeredete Grundüberzeugung,
dürfen nicht sein, nicht gezeigt werden,
müssen übermalt, vom Nebel eingeschlossen und abgetötet werden.
Die Nebeldecke wird dicker, lässt die „schlechten“ Gefühle nicht nach außen dringen,
unterdrückt sie.
Doch sie existieren noch im Körper, verweilen wie versteckte Gewitterblitze,
prellen an der umgebenden Nebelwand ab und kehren sich um,
richten sich gegen mich, zerstören mich von Innen heraus.
Ein Strudel, ein Wellenberg nach dem Anderen bilden sich aus den Gefühlen.
Der Nebel verdrängt die schlechten Gefühle,
lässt eine leere graue Fläche entstehen,
welche leicht mit leuchtenden Farben bestrichen werden kann.
Fröhlichkeit, Mitgefühl, Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Motivation,
Durchhaltevermögen, Sicherheit, Verantwortung …
– „gute“, richtige Gefühle – erwünscht und erwartet.
Die hellen Farben gehen durch den Nebel,
manchmal kommen sie von Innen und dringen nach außen,
manchmal sind sie nur aufgetragen.
Eine schön bemalte Nebelwand hat sich im Laufe der Zeit gebildet,
immer präsent, fest verankert, ein Teil von mir, eine Kontrolle.
Die hellen Farben beherrsche ich gut,
automatisch entstehen schöne Gemälde, gern gesehene Bilder,
dunkle Bilder will niemand anschauen.
Eine freundlich bemalte Nebelwand – die perfekte Maske.
Sie zeigt Stärke und Selbstbewusstsein.
Eine Schicht aus kontrollierten Gefühlen.
Eine aufgetragene Schicht ohne Grundstein ohne festen Boden.
Nur eine Maske ohne Selbstwertgefühl, ohne Selbstliebe.
Eine Hülle gefüllt aus Gewitterblitzen und Nebel.
Selbsthass, Selbstzweifel und eine Essstörung –
perfekte Zutaten für eine falsche Kontrolle des Körpers samt Gefühle.
Ich habe aufgehört die wahren Gefühle, die von innen zu spüren,
das Fühlen und Wahrnehmen wurde unter der Essstörung begraben.

Der Nebel scheint sich zu lichten,
die Wand fällt zusammen,
Sonnenstrahlen sind zu erahnen,
versuchen die Düsternis zu durchbrechen,
lassen jedoch auch schleichend die aufgebaute Sicherheit des Nebels,
den Halt an der Kontrolle verschwinden.
Mit der Auflösung des Nebels entsteht eine Lücke,
eine andere, unbekannte Leere.
Die Kontrolle löst sich auf, nimmt mir die Kontrolle,
dunkle Farben treten hervor.
Eine hohe Welle überrollt mich,
es ist unbekannt, angsteinflößend, überfordernd.
Ein Strudel nach dem Anderen bildet sich
– ein Sog – kaum zu widerstehen.
Ich werde mitgerissen.
Wie bleibe ich oben? Wie male ich mit dunklen Farben?
Der Nebel hinterlässt eine unbekannte Leere,
sie schreit danach den Nebel zurückzuholen.
Das Verlangen die Leere zu füllen scheint unbändig,
nicht zu befriedigen,
wird verstärkt von hervorbrechenden Gefühlen,
von vorhandenen Selbstzweifeln – ich bin unfähig damit umzugehen.
Es muss etwas geben, was die entstandene Leere füllt…
Ist es mein nicht vorhandener Grundstein?
Ein Grund aus Selbstliebe, Selbstwertgefühl, Selbstanerkennung und Vertrauen
– ein fester Grund gebaut von Innen heraus.
Doch ich habe keine Zutaten,
welche Farben sind echt, welche nicht?
Die Sonnenstrahlen wollen helfen, versuchen Vertrauen zu senden
– ich sehe sie nur, spüre die Wärme nicht.
Es gelingt nicht sie durchdringen zu lassen.
Der Nebel ist zu stark, zu lange und sorgfältig aufgebaut.
Der Nebel erzeugt einen Druck, ein Chaos,
er will nicht verschwinden und ich die Sicherheit der Kontrolle nicht gänzlich verlieren.
Ist die Sonne nicht stark genug?
Ich stehe dazwischen,
spüre den verlockenden Halt des Nebels,
der das beängstigende, überfordernde ausblendet,
aber sehne mich auch nach der Wärme und Geborgenheit der Sonne.
Das zu erreichen scheint in weiter Ferne zu liegen,
um die Strahlen zu spüren muss ich das kalte Meer überqueren,
den Wellen trotzen, dem Sog der unzähligen Strudel widerstehen,
kämpfen, um über Wasser zu bleiben.
Leicht oder schwer, dunkel oder hell, harte Schale oder weicher Kern – Ratlosigkeit.
Verlangen, Druck, unbändige Leere, unbekannte Gefühle – Überforderung.
Hilfe – oben, unten, vorne, hinten, alles verschwimmt,
während ich untertauche, keine Kraft mehr, doch versuche zu kämpfen.
Wo ist der Weg, welche ist die richtige Richtung?
Es ist keine bekannte, kontrolliert erstellte Leere mehr da,
die einfach überschrieben werden kann mit guten, Sicherheit gebenden, Gefühlen,
es folgt ein unbekannter Weg mit unbekannten Gefühlen.

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