Eins nach dem Anderen 

Wann hat die Welt angefangen sich so schnell zu drehen? Die Zeit begonnen zu rennen? Ein Ereignis das andere zu jagen?

War es der erste Gang zum Hausarzt oder schon vorher als die Waage 42 kg anzeigte? Als ich statt zu essen lieber Sport trieb und als ich anfing alles was ich aß auszukotzten?

Die Angst trieb mich am 26.7.16 dazu, zu meinem Hausarzt zu gehen und ihm von meiner Bulimie zu erzählen. Meine Kraftlosigkeit verunsicherte mich, nach dem Kotzen fast nicht mehr vom Klo hoch zu kommen, das Herz unregelmäßig schlagen zu spüren waren Warnzeichen. Das Brennen im Hals und Zittern der Gliedmaßen nach Anstrengung und andere Anzeichen war schon fast gewohnt. Trotz allem war ich noch relativ leistungsfähig, meisterte meinen Alltag und ein wenig Sport, wie Fahrradfahren, Liegestütze, problemlos. Fast niemand bemerkte etwas und wenn dann habe ich halt durch Sport in letzter Zeit etwas abgenommen. Nach außen hin war ich eine perfekt funktionierende Maske. Vor der intensiven Phase der Bulimie steckte ich in einer Anorexie, die über Jahre mal mehr mal weniger stark ausgeprägt war. So gab es auch gute Zeiten, wo sie wenig präsent war, wie den Sommer 2015. Doch als ich mich im November 2015 auf die Waage stellte, waren 53 kg einfach zu viel und mein Körper alles andere als perfekt und schlank. Ich fing an sehr wenig zu essen und genau die Kalorien zu zählen, dass was ich aß versuchte ich mit stundenlangen Workouts wegzutrainieren. Nach anfänglichen Erfolgen und Muskelzunahme wollte mein Gewicht über Weihnachten einfach nicht unter die 50 sinken. So fing ich Ende Januar vermehrt an zu kotzen. Die Rate stieg rasant an, alles war zu viel in meinem Körper, vom Apfelstück bis zur Tiefkühlpizza wurde alles rausgekotzt, selbst ein Löffel Jogurt war manchmal zu viel. Es hätte alles ansetzen können. Zig mal am Tag ging es auf die Waage, ein Weltzusammenbruch, wenn die 200 g mehr anzeigte nach einem Glas Wasser. Die Fressanfälle vermehrten sich und das Gewicht sank immer weiter. Der Sport wurde auch intensiver. Ende Juni war ich bei ca. 15 mal kotzen am Tag und 43 kg angekommen. Und es gefiel mir wie ich aussah, die 40, eine magische Zahl, war schon fast in Sicht. Doch dann kamen die körperlichen Beschwerden, die Workouts hatte ich schon immer mehr gekürzt, es fehlte einfach an Kondition. Mein Hausarzt überwies mich dann wegen Herz-Rhythmus-Störungen am 27.7 ins Krankenhaus. Dort behielten sie mich gleich und es folgten viele Untersuchungen, wie Magenspiegelung und Belastungs-EKG, zudem kam über die Nächte eine parentale Ernährung hinzu. Meine Elektrolyte, vor allem das für die Muskelfunktion (insbesondere Herzmuskelfunktion) verantwortliche Kalium, waren total im Keller. Nach dem Aufenthalt zeigte die Waage 45 kg.

27.7 – 1.8.16 Krankenhaus 

In dem Krankenhaus stieß ich meine Überzeugung, nie in eine Klinik zu gehen, um und bevor die Freizeit losging, besorgte ich mir noch einen Klinikplatz. Denn durch die parentale Ernährung war mir bewusst geworden, dass ich mir meinen eigenen Willen nicht wegnehmen lassen will. Kommentare von Ärzten (ob nun ernst oder nur zur Einschüchterung) wie: „Wenn Sie so weitermachen, dann haben Sie noch 2 Monate…“ machten die ganze Sache auch nicht besser. Alles in allem wurde mir klar, dass die Lage durchaus ernst war. Durch den Aufenthalt war ich soweit wieder in Form, dass ich mir und auch einige Ärzte mir zutrauten auf die geplante Behindertenfreizeit zu fahren. Das hatte ich mir in den Kopf gesetzt und was ich mir vorgenommen habe, dass ziehe ich durch und schaffe ich. So fuhr ich 18 h nach Dänemark und absolvierte meine Tätigkeiten als Teamerin mit Bravour. Naja ab und zu hätte ich mir schon etwas mehr Kraft gewünscht. Der große Vorteil der Freizeit: Mein Kotzrate sank und ich behielt sogar ab und zu eine Banane drin.

5.8 – 13.8. 16 Behindertenfreizeit nach Kopenhagen

Nach der Freizeit stieg meine Kotzrate wieder an und auch die Fressanfälle häuften sich. Einen Monat musste ich noch schaffen bis ich in die Klinik gehen würde. Es gab noch einiges zu regeln, wie Unikram und Wohnungskündigung (die wäre während des Klinikaufenthaltes unnötig). Um noch etwas Ablenkung zu haben, fuhr ich quer durch Deutschland und besuchte Freunde, so ging die Zeit irgendwann rum. Mit 46,2 kg meldete ich mich am 13.9 in der Klinik. 14 Wochen Therapie lagen vor mir. Es war eine ereignisreiche Zeit, die mich ein Stück aus der Krankheit herausbeförderte. Essen, zunehmen, nicht mehr kotzen waren meine Aufgaben. Rückfälle waren dabei, aber ich habe es geschafft diese hinter mir zu lassen. Bis heute (7.1.17) bin ich nach der Klinik schon kotzfrei. 69 Tage hintereinander kotzfrei war mein Rekord während der Therapie. Mit 55 kg kam ich zu Hause an. Den Entschluss einige verhasste Kilos loszuwerden, indem ich zu Hause wieder kotze war schon gefasst, immerhin hätte ich ja keinen Vertrag und Konsequenzen mehr.

13.9 – 20.12.16 Klinik Jena

Raus aus der Klinik und es hieß kämpfen, aushalten, durchhalten. Den Entschluss führte ich nicht aus,  ich setzte die bescheuerten verlockenden Gedanken nicht um. 8 Tage musste ich überstehen, dann startete die Behindertenfreizeit nach Hamburg. Ich ließ Doris Doris sein, versuchte mich nicht in meine Anspannung zu sehr reinzusteigern und brachte Weihnachten kotzfrei hinter mich. Es war sogar hauptsächlich eine schöne familiäre Zeit. Dann ging es nach Hamburg, dort wollte ich nicht kotzen und das schaffte ich, auch wenn ich mich unwohl fühlte und viel zu viel aß. Alles in allem war es eine wundervolle und lustige Zeit, ein super Rutsch in das neue Jahr und ich staunte immer wieder wie leistungsfähig ich war und merkte wie ich in der Arbeit als Betreuerin aufging. Ein neues Jahr hatte begonnen. 2016 und 2017 nur durch eine Sekunde getrennt. Eine Sekunde die neues Glück verspricht? Eine Zahl hat sich verändert, doch spüren kann man das nicht, zumindest ist meine Doris mit ins neue Jahr geschwommen. Ob etwas zu Ende gegangen ist, werde ich wohl erst in Zukunft herausfinden.

28.12.16 – 4.1.17 Behindertenfreizeit nach Hamburg

Als ich am 4.1.17 gegen 17 Uhr zu Hause eintrudelte, übermannte mich die angestaute Müdigkeit. Wann hatte ich das letzte Mal richtig ausgeschlafen? In der Klinik hatte ich mit Schlafstörungen zu kämpfen (ca. 5h, mal mehr, mal weniger) und generell waren die 14 Wochen anscheinend eine anstrengende Zeit gewesen. Mit Erholung war nichts, jeden Tag volle Kopfarbeit und Kampf. Über Weihnachten war Schlaf dann auch wenig gesäht gewesen und wenn ich mal freie Zeit hatte, dann verbrachte ich sie mit Planungen für meinen Jakobsweg. Auf der Freizeit war die Müdigkeit Begleiter von Jedermann, 4 h Schlaf für mich waren viel. Meine aufgestaute Müdigkeit schien sich nun in den letzten Tage zu entladen. Die Waage zeigt 56 kg  und den auf der Freizeit neugefassten Entschluss wieder kotzen zu gehen, habe ich noch nicht umgesetzt. Wäre ja auch echt blöd oder? Zur Zeit geht es mir körperlich super, ich kann Leistung bringen, 4h durch den Schnee stapfen ohne komplett fertig danach zu sein und meine Elektrolyte sind super. Ich habe derzeit fast keinerlei Nachwirkungen der Essstörung und fühle mich bereit meine Wanderung zu starten. Die Vorbereitungen sind soweit alle abgeschlossen und der Flug gebucht. Das nächste Abenteuer ruft. Und dafür ist es egal ob die Waage 56 oder 50 anzeigt. Mit 56 kg kann ich sogar etwas mehr tragen (10% des Körpergwichtes soll der Rucksack ca. wiegen) und habe Reserven.

21.1 – ? Jakobsweg Via de la Plata

Ich habe in einem halben Jahr ca. 10 kg abgenommen und in einem halben Jahr wieder über 10 kg zugenommen. Ein ständiges Hoch und Runter, eine ständige Veränderung, die scheinbar nicht aufhört, wie soll man sich da mit irgendetwas anfreunden, zufrieden sein mit seinem Gewicht? Habe ich nicht die 43 kg schön gefunden? Inzwischen hat sich meine Ansicht dazu schon etwas verändert – 43 kg sind schon etwas skelettmäßig… Blicke ich zurück, fühle ich mich gehetzt, seit Ende Juli lag immer ein neuer fast gepackter Koffer in meinem Zimmer, nun ist es ein Rucksack. Nach einem Ereignis kam meist nach wenigen Tagen schon das nächste, immer Termine die noch erledigt werden müssen im Kopf. Doch ich bereue keinen Schritt, den ich bis jetzt gegangen bin. So bin ich halt, immer von Einem zum Anderen, immer was zu tun, nur habe ich in letzter Zeit gelernt, dass ich mich dabei nicht vergessen darf. Ich freue mich nun auf den Jakobsweg – einfach mal abschalten und nicht mehr hetzen – mein eigenes Tempo versuchen zu finden. Ich bin gespannt aus das was kommen wird und versuche auf neues Glück und Hoffnung zu vertrauen. Heute geht es erstmal bis morgen zu meinen Großeltern, Opa feiert Geburtstag. Nicht das noch Langeweile aufkommt :p

2 Gedanken zu “Eins nach dem Anderen 

  1. Hallo, ein schonungslos offener Artikel. In vielen Punkten fand ich meine eigenen persönlichen Erfahrungswerte wieder. Respekt für deine Mut und vor allem den Willen, es zu schaffen. Ich wünsche dir eine tolle Zeit auf dem Jakobsweg, den ich auch irgendwann mal begehen werde. Alles Gute für dich… ❤️
    Liebe Grüße
    Michaela

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Michaela, ich denke beschönigen bringt genauso wenig wie übertreiben, es ist einfach so wie es wahr, mein Weg den ich gegangen bin.
      Ja ich denke bei Betroffenen gibt es oft Gemeinsamkeiten in der Denkweise und auch auf der Gefühlsebene, aber auch Unterschiede. Danke für deinen Zuspruch, das zeigt mir das ich doch iwas richtig mache 🙂
      Ich werde auf alle Fälle mal Erfahrungen sammeln und von dem Abenteuer berichten 😉
      Danke und liebe Grüße zurück
      Elli 🙂

      Gefällt 1 Person

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