Gejagte Schatten

Wieso will man immer weiter abnehmen, wieso gefällt es einem, wenn man immer dünner wird, wie kommt diese Sucht zustande, wieso kann man nicht einfach aufhören, wieso tut man sich das an? Fragen die sich Viele vielleicht stellen, wenn sie hören: Die hat Anorexie und Bulimie. Wieso bin ich so fixiert auf die Zahl auf der Waage und wieso soll sie immer weiter runter gehen, wieso sage ich immer: „noch einmal, ein letztes Mal kotzen und mache es doch immer wieder“, wieso bestimmt das Gewicht meine Tageslaune, wieso kann es mir nicht einfach egal sein, wieso gefällt mir das Hungergefühl? Fragen die ich mir immer wieder stelle. Es ist eine Sucht ja fast schon ein Zwang – eine Aufgabe, ein Ziel das man erreichen will. Es ist ein Kreislauf, ein immer weiter hinterherrennen hinter einem Schatten.

Jahrelang bin ich in den Nebel gerannt, habe der Sonne den Rücken zugekehrt, sodass ein Schatten vor mir auf den Weg geworfen wurde.
Ein Schatten lang, schlank, ohne viele Kurven, ohne Fett, nur die harten Kanten der Umrisse und definierte Muskeln sind zu erkennen, in meinen Augen einfach nur wunderschön – ein Idealbild. Diesem Schatten bin ich hinterhergejagt. Ich war der Überzeugung meinen Körper diesem Schatten anpassen zu müssen, weil ich dachte es gehört zu meiner Zukunft. Der Schatten wurde in eine betäubende Nebelwelt hineingeworfen. Ich rannte orientierungslos dem Schattenbild hinterher, immer weiter hinein in den Nebel. Dabei verlor ich mich selbst aus dem Blick, hatte nur den Schatten vor Augen – ein total verzerrtes Bild im Nebel, in das ich unbedingt hineinpassen wollte. Ich habe mich in die Schattenhülle gezwungen und bin im Nebel verloren gegangen. Ich wollte und konnte den wahren Körper nicht mehr sehen und so annehmen wie er war, nämlich total ungenügend, einfach nicht perfekt. Ich habe mich selbst für eine perfekte Hülle aufgegeben, mein Leben und Selbstwertgefühl geopfert. Eigene Bedürfnisse und Selbstanerkennungen verleugnet, um in die Schattenhülle zu passen.
Der Weg aus dem Nebel wieder heraus ist lang und beschwerlich, denn den eigenen Weg und die Orientierung nach mir selber kenne ich nicht mehr. Ich habe mich schon so lange nicht mehr nach der Sonne gerichtet, doch ich kann es wieder erlernen, ich muss umkehren, umdenken, mich der Sonne zuwenden. Dann fällt der Schatten hinter mich und ich sehe mich so, wie ich bin. Ich kann mich dann frei formen und entwickeln, einfach wieder auf mich selbst hören und mich, den Schattenwerfer, wieder sehen.
Ich muss in keine Hülle passen, weil es keinen Schatten mehr gibt, der vor mir ist und dem ich nachjage, wenn ich meinen eigenen Weg in die hoffnungsvolle Wärme der Sonne gehe. Doch die Veränderung anzunehmen ist schwer. Zu verstehen, dass man auf einmal nicht mehr in die Hülle passen muss, weil es eine falsche Überzeugung und nie der richtige Weg war, scheint unwirklich.
Ein jahrelanges Ziel soll falsch gewesen sein? Es war völlig sinnlos so viel dafür zu opfern und sich so anzustrengen? Eine Aufgabe durch die ich mich definiert habe fällt weg.
Es dauert Zeit bis man aus dem Nebel wieder herausgefunden hat, um sich ganz unverzerrt der Sonne zugewandt sehen zu können. Es braucht Durchhaltevermögen bis die Denkweise sich verändert hat und man nach der falschen Wahrnehmung merkt, dass Kurven und etwas mehr außer Haut auf den Rippen normal sind – zum Körper, ja zu einem selbst dazugehören. Der Weg aus dem Nebel ist genauso lang und beschwerlich, wie das Hinterherjagen des Versuches sich in die Schattenhülle zu pressen. Es ist einfach unmöglich. Denn je mehr man selbst an Fülle verliert, je schmaler und abgemagerter der Körper wird, desto enger wird auch die Schattenhülle, in die man versucht sich vergebens zu zwängen.

Ich kann mit diesem Bild ganz gut beschreiben, wie es sich für mich anfühlt, wie sich ein Zwang, eine Sucht entwickelt hat. Wieso, weshalb, warum dieser Schatten gebildet wird, habe ich erstmal außer Acht gelassen. Da spielen viele Facetten, wie private Probleme oder Gesellschaftliche Ansprüche hinein. Eine Zahl auf der Waage zu erreichen ist eine Aufgabe die Halt und Bestätigung gibt, weil man es selbst nicht schafft sich selbst anzuerkennen. Doch das das der falsche Weg ist habe ich verstanden, denn er ist einfach unendlich bzw. führt in den Tod. Deshalb fange ich an mich der Sonne zuzuwenden. Ich habe beschlossen nicht mehr kopf- und orientierungslos in den Nebel hineinzurennen.

3 Gedanken zu “Gejagte Schatten

  1. Hallo Elli,

    ich finde, du beschreibst das mit dem Bild sehr schön. Den Blick auf den Boden gerichtet, nur den Schatten im Auge, Tunnelblick, den Fokus vom eigentlichen Leben weg auf ein falsches, unerreichbares Ziel gerichtet. Ich finde stark, dass du dich so entschlossen gegen diesen Weg wendest und drücke dir weiterhin alle Daumen.
    Und es ist sehr schön, dass du uns an deinem Kampf und deinen Gedanken teilhaben lässt. Ich lese deinem Blog sehr gerne.

    Liebe Grüße
    Catrina 😉

    #passtdasbettinsbad? #quietschegelbeshäkeleinhorn

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    1. Hallo Catrina,
      ja man vergisst daneben alles, das Leben an sich wird irgendwie unwichtig.
      Danke für den Zuspruch, durch solche Rückmeldungen merke ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin 🙂 Das freut mich und ich werde auf jeden Fall noch einiges schreiben 😉

      Fühl dich gedrückt, deine Elli 🙂
      #“Habensienochwünsche?“ :p

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