Da haben die Dornen Rosen getragen…

Der zweite Weihnachtsfeiertag neigt sich schon langsam dem Ende und in meinem Kopf läuft die Planung auf Hochtouren. Morgen geht es los. Ich fahre über Silvester als Betreuerin (Teamerin) auf eine Behindertenfreizeit mit. Die meisten von den Teilnehmern und Teamern kenne ich schon und ich bin schon voller Vorfreude, sie wiederzusehen und neue schöne und vor allem lustige Erlebnisse zu sammeln. Und das Beste ist, ich fühle mich topfit und voll motiviert. Den Gedanke meine Kraft zu brauchen, hatte in schweren Situationen in den letzten Tagen immer im Hinterkopf.  Wie habe ich die letzten Tage gemeistert? Auf jeden Fall mit jeder Menge Essen und ohne Rückfall , ohne kotzen. Und das steht auch nicht auf meiner noch abzuarbeitenden To do – Liste. Ja das Verlangen war groß, die Gedanken waren stark, aber sollen sie doch so laut schreien wie sie wollen, ich führe sie nicht aus. Es gab einige schwierige Situationen, wie die gestern früh zum Beispiel: (Mit der nachfolgenden Schilderung will ich keinerlei Vorwürfe machen oder wünsche mir eine Veränderung, sondern möchte nur die Situation und mein Empfinden darlegen.) Ich wollte mir ganz in Ruhe ein Obstsalat zum Frühstück machen, habe Kerzen angezündet und das Radion angestellt und dabei mein Tagebuch schreiben. Denn genau am 25. 12 vor 4 Jahren, war mein über alles geliebter Kater gestorben, da wollte ich mir etwas Wärme in die Traurigkeit versuchen zu bringen. Als ich gerade den Granatapfel auseinander nahm, kam meine Mutter, schmiss gefühlt alle Küchengeräte an, die irgendwie Lärm machen konnten (und das sind bei uns viele, eine Maschine zum Mehl mahlen, eine zum kneten und rühren, den Wasserkocher…), bevor sie scheppernd die Geschirrspülmaschine ausräumte. Die Musik aus dem Radio konnte ich vergessen. Ich spürte eine Unruhe und dann ladete natürlich auch noch ein Granatapfelspritzer auf meinem Pullover. „Ruhig bleiben, du kannst dich gleich ins Esszimmer setzen“ und das tat ich auch. Die Maschinen waren zwar immer noch zu hören, aber das Radio war hier lauter. Kaffee, Tagebuch, Müsli – normalerweise harmoniert alles super zusammen. Aber heute gar nicht. Ich bemerkte, wie ich mein Obst viel zu schnell und hektisch aß – ein Zeichen für meine Anspannung. Ja und dann nahm ich die Gedanken wahr, „komm nen bissl Schokolade, Lebkuchen und dann kotzen, du willst doch nicht nur Obst essen, wenn du kotzen gehst ist es doch eh egal…“. Dabei wollte ich echt nur Obst essen und hatte mich voll darauf gefreut gehabt, Süßes würde es zum Kaffee genug geben. „Du hörst jetzt nicht auf die Gedanken und isst langsamer und fängst einfach an Tagebuch zu schreiben, bleib ruhig!“ Mein erster Satz, den ich schrieb: „Der erste Weihnachtsfeiertag ist da und ich werde nicht kotzen!“ Doch kaum war ich etwas runter gekommen, da kam Papa und schlenderte ins anliegende Bad – Radio an (natürlich anderer Sender), Rasierer an… Mama kam aus der Küche, ging in die Küche, rein, raus… Wieso hatte ich wohl die Tür zu gemacht? Der einzige der mich nicht störte war mein Bruder, der friedlich mit seiner neuen Murmelbahn spielte. Nachdem ich mindestens dreimal aufgestanden und die Küchentür wieder geschlossen hatte, kam meine Schwester mit ihrem Freund und setzten sich zu mir an den Tisch, meine Mutter und mein Bruder folgten. Natürlich mit Nutella- Brot, auf das Doris nur zu sehr Lust hatte, und nervenden Essgeräuschen. „Ruhig bleiben, bleib ruhig, iss deine Schüssel und dann geh ich in mein Zimmer – nicht ins Bad!“. Im Zimmer zündete ich auch eine Kerze an, machte klassische Musik drauf und fing an zu schreiben. Eine Geschichte, die mich für einen Moment den Gedanken und der Anspannung entfliehen ließ. Nur zu blöd, dass meine andere Schwester gerade jetzt aufstehen musste. Wieso sind die Wände so dünn? Schranktür 1, Schranktür 2, Schritte… „Aushalten, gleich geht sie runter…“ Nach einer gefühlten Ewigkeit endlich Ruhe, doch die Anspannung war noch da. Ich hätte alles essen können, das Verlangen war so stark, aber ich ließ sie nicht zu. Konzentrierte mich auf die Musik, auf die Kerze, auf die Wärme. Auf die Hoffnung zu Weihnachten, dachte an die Freizeit, die bevorstand und dann ging es. Neben solchen Situationen und Gedanken, gab es in den letzten Tagen auch viele gegensätzliche, schöne weihnachtliche Stunden mit meiner Familie, wo es schon beinahe normal war, zu essen weil es schmeckt und aufzuhören, weil man satt war. Danach, wenn das Völlegefühl drückte, das war das Schlimmste, aber auch das ging immer vorbei und irgendwie hat sich das schon ein wenig zu einer Gewissheit entwickelt. Ich habe gelernt darauf zu vertrauen, dass das Gefühl von Überfressen sein, wenn es denn einfach mal zu gut schmeckt, auch wieder verschwindet. Dann kommen zwar die Gedanken, an die Zahl auf der Waage, aber die habe ich sowieso gerade zu meinem Feind erklärt. Als ob die immer die Wahrheit zeigen würde, von einem Liter Wasser nehme ich doch kein Kilo zu …. Ja ich bin täglich drauf gestiegen, aber die Zahl war relativ stabil, vielleicht muss ich lernen mich mit der Zahl anfreunden. Auch wenn das Spiegelbild etwas anderes zeigt, so schlimm kann es gar nicht sein, immerhin habe ich bis jetzt jeden Tag was zum anziehen gefunden. Außerdem habe ich ein paar Tricks gefunden, das schlechte Gewissen und das Verlangen im Zaum zu halten.Viel Obst beim Kaffee trinken essen. Ein Lebkuchen, eine halbe Mandarine, ein Keks, paar Stücken Mango, ein Stück Stollen, Kaki usw. So stellt sich das Sättigungsgefühl ein obwohl man ja eigentlich „nur“ Obst gegessen hat. Beim Mittagessen gab es einen Kloß, etwas Fleisch und einen halben Teller Rotkraut. Da war das Stück Schokolade hier und da auch zu verkraften. Das was mich außerdem positiv stimmt ist, dass die Gedanken ans Kotzen mit der Zeit nicht mehr allzu präsent sind, ja sie sind da, aber nicht immer und es gibt auch Mahlzeiten da sind sie gar nicht da. Ja ich denke es hat sich was verändert in meinem Denken. Der Weg war dornig und steinig und ist es immer noch. Doch wie es in dem schönen Lied „Maria durch ein Dornwald ging“ heißt, die Dornen können Rosen tragen und ich sehe schon ein paar. So haben wir zusammen Spiele gespielt, viel gelacht und ungefähr eine Stunde am Heiligabend versucht ein Familienbild zustande zu bekommen, jedoch hat sich bei 7 Personen mindestens immer einer falsch in Szene gesetzt. Naja wenigstens haben wir jetzt genug Spaßbilder.

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Eine kleine Impression: Geschmückt im Weihnachtsbaum – ein bisschen Spaß muss sein 😀

Es gibt gerade etwas Wichtigeres als das Kotzen oder die Zahl auf der Waage. Ich fahre morgen fort und dafür wäre es schön blöd, meine wiedergewonnene Stärke zu riskieren, außerdem kann ich mit ein paar Kilos mehr viel mehr leisten und es ist doch meine Persönlichkeit, die sich mega drauf freut und nicht mein Körper, auf die kommt es an, auf das Ich-Selbst, das einfach nur motiviert ist, andere mit meiner verrückten Art zu begeistern und Spaß zu haben. Und so verabschiedet sich die Elli jetzt und versucht mal, mit den vorteilhaften paar Kilos mehr, sich auf den Koffer zu setzen, damit der zugeht 😉

 

 

2 Gedanken zu “Da haben die Dornen Rosen getragen…

  1. ….ich bin so stolz auf Dich!Mein Tag heute ist gelungen hab zwar am Schokoladenteller halt gemacht und die Gedanken waren da aber bin dann in die Wanne hab zwar gedacht“du bist so dick ich fühl mich so ekelhaft aber irgendwie hat mir das geholfen,war sat,kein verlangen mehr,weil am Teller das war“Betty“….Irgendwann zieht sie aus😉ich wünsche dir eine wunderschöne Zeit auf der Freizeit.geniese deine Kraft und Stärke😘

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    1. Das ist doch voll der Fortschritt, da kannst du stolz sein, den Gedanken widerstanden zu haben. Betty hat gedacht „na wenn sie schon nicht auf die Kotzgedanken hört, dann versuche ich es eben auf die Schiene, man bin ich dick“… auch wenn du dich ekelhaft und ungenügend fühlst, das sind Gedanken, die vom Kampf mit deiner Essstörung zeugen. Aber sie sind falsch, du bist nicht dick! Aber das bringt nichts dir das zu sagen, ja du fühlst dich jetzt so, na und? Ist deine Persönlichkeit deswegen jetzt anders? Die ist doch noch genauso liebenswert. Lass die Gedanken zu, aber sage dir, es sind Bettys Gedanken.
      Mach weiter und halte an deinem Ziel fest, denn wenn sie ausgezogen ist, sind die Gedanken, „jetzt bin ich aber dick“ auch nicht mehr so stark. Doch es ist ein langer Weg der Geduld erfordert, bis man sich so annehmen kann, wie man ist. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Durchhaltevermögen.
      Danke :*, die werde ich haben 🙂

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