Nach 4 Tagen

Tag 4 nach der Klinik geht zu Ende. Wie läuft es? Ganz ehrlich? Ganz gut, besser als erwartet. Erst jetzt, draußen in „Freiheit“, merke ich wieviel Kompetenzen und Stärke ich mit nach Hause nehmen konnte. Dachte ich doch zwischendurch in der Klinik, dass das Alles total sinnlos und schwachsinnig ist… Aber nun bin ich wieder im Alltag einigermaßen angekommen, ich meine es ist fast Weihnachten, wo ist da bitteschön Alltag? In der Klinik habe ich gedacht: „man der Rückfall ist doch schon praktisch vorprogrammiert, bei dem Trubel und Stress, nur Hektik und Chaos, außerdem das ganze Weihnachtszeug, Lebkuchen, Plätzchen, Schokolade…“ „Wieso soll ich mich denn noch dagegen wehren, kotzen zu gehen, es passiert doch sowieso, ich bin einfach zu schwach“ „Wenn ich zu Hause bin fang ich wieder an, hab ja keinen Vertrag mehr oder bin einer Therapeutin oder Schwester Rechenschaft schuldig. Ich muss es ja nicht immerzu machen, kann ja auch wieder aufhören, dann verschwindet auch endlich diese blöd Zahl auf der Waage mit der ich mich einfach nicht abgeben kann, weil sie viel zu hoch ist. Wie schön wäre doch ein Fressanfall, einfach alles essen ohne Angst zu haben, dass die Zahl auf der Waage nach oben springt, weil man ja alles wieder auskotzt.“ Aber irgendein Teil in mir, der gesunde Teil hat sich dagegen behauptet, ich habe die Stärke und Kraft bis jetzt gefunden, diese Gedanken nicht auszuführen. Ich habe bemerkt, diese verlockenden Gedanken sind falsch, führen auf einen falschen Weg. Denn ich würde sofort in einen Strudel geraten, essen und kotzen, einfach essen ohne auf die Menge zu achten, ohne auf etwas zu verzichten, weil mit kotzen passiert ja nichts, die Zahl auf der Waage würde sogar nach unten gehen. 4 Tage auch nach der Klinik im Weihnachtsstress, wo alle scheinbar nur am Rad drehen, immer noch kotzfrei. Darf ich da stolz sein? Ist das nicht normal? Nein nicht für mich. Vor der Therapie und auch in der Klinik, während der Rückfälle, war 15 mal kotzen täglich normal, nichts habe ich drinne behalten, sogar ein Apfel war zu viel. Aber darüber vielleicht ein anderes Mal. Wieder zurück zum Thema. Ja ich glaube ich spüre so etwas wie leichten Stolz, dass ich mich behaupten kann, Stärker als die Krankheit bin. Die Zeit in der Klinik hat es mir bewusst gemacht, ich muss es halt jetzt aushalten und das kann ich auch. Und es ist verdammt schwer, jedesmal wenn ich einen Lebkuchen sehe, gehen sofort die Gedanken der Essstörung los, ich habe in meinen Augen viel zu viel Fett an mir, die Zahl auf der Waage ist zu hoch und es ist alles andere als eine gemütliche und ruhige Weihnachtszeit. Da steht bei Amazon dick und fett „kommt noch vor Weihnachten an“- heute, kam die Versandbestätigung „wird am 29 geliefert“. Wann ist Weihnachten nochmal? Kann denn nicht mal irgendetwas funktionieren? Noch dazu weiß ich überhaupt noch nicht, was ich morgen anziehen soll, will mich ja wohlfühlen. Aber ich fühle mich in gar nichts so richtig wohl, weil die Zahl auf der Waage mir das nicht erlaubt und auch mein Befinden (vermutlich vom Kopf her) nicht, habe gut gegessen die letzten Tage. Da helfen auch wandern und boxen nicht, um mich wohlzufühlen. Es ist Weihnachten und ja ich erlaube mir hier und da Gebäck und das auch nicht zu wenig. Es ist schwer wieder aufhören zu essen, nicht zu viel zu essen, damit es nicht umschlägt und die Gedanken ans kotzen unbedingt ausgeführt werden wollen, weil das schlechte Gewissen, viel zu viel gegessen zu haben, zu stark ist. Während der Therapie habe ich gelernt auszuhalten. Eine Situation einfach so anzunehmen, zu akzeptieren, dass es jetzt gerade so ist und auszuhalten. Annehmen, akzeptieren, aushalten – die drei A´s, das Therapiemantra. Also tief ein und ausatmen, den Atem und Herzschlag spüren und ruhig bleiben. Nicht in der Anspannung verlieren, sonst führt der Weg direkt ans Klo… Na und, dann ist halt was nicht glatt gelaufen und ich bin nicht zufrieden mit mir, das ist ok und passiert. Das Paket kommt immerhin überhaupt an, dann schreibe ich halt einen Gutschein. In der Klinik wurde mir gesagt, die Gewichtszunahme besteht hauptsächlich aus Wassereinlagerungen, was mir zwar total egal ist, weil man es einfach sieht (ich zumindest), aber die Klamotten passen doch noch und die Nähte platzen nicht, außerdem bei meinem vollen Schrank wird sich wohl was finden lassen. Und Mensch, es ist Weihnachtszeit, die sollte man genießen und mit Hoffnung begehen, denn Jesus hat morgen Geburtstag. Da kann man sich doch was gutes zu essen erlauben, außerdem nehmen nicht die meisten über Weihnachten zu? Das ist doch nur ein Zeichen dafür, dass es eine schöne Zeit ist und man sie richtig begeht und feiert. Ja morgen ist Heiligabend und ich freue mich, so langsam kommt auch die richtige Weihnachtsfreude auf. Am Nachmittag habe ich einer Weihnachtsfeier von einem Behindertenwohnheim beigewohnt, wo meine Mutter mit Kindern ein Krippenspiel aufführte. Zum Ersten wurde mir durch das Krippenspiel klar, dass Weihnachten vor der Tür steht und morgen wirklich schon Heiligabend ist. Zum Zweiten war die Begeisterung und Fröhlichkeit der Weihnachtsfeier einfach nur ansteckend, viele sind stolz mit ihrer Weihnachtsmütze herumgelaufen. Diese ehrliche und unbeschwerte Weihnachtsfreude, sowohl der Menschen mit Handicap als auch der Kinder, zu sehen, war heute das größte Geschenk für mich und hat mich einfach nur berührt und mitgerissen. Heute Abend habe ich mir ein paar Kerzen angezündet und bei Bachs Weihnachtsoratorium Weihnachtsgeschenke für die ganze Familie und Freunde eingepackt. Mal sehen, wie die sich freuen werden. Ist schenken nicht das schönste auf der Welt? Die Aufregung, wie wird der Beschenkte reagieren, seine Freude zu sehen, weil man sich Mühe gemacht hat. Anderen zu geben, weil man geben kann und sei es noch so etwas kleines, weil man es möchte und es einfach Spaß macht, besonders wenn man einen kleinen Bruder hat. Unter anderem habe ich eine originelle Idee umgesetzt: das Laber-Glas (Bild ist angefügt), img_20161223_210140.jpgmal sehen ob es an der Kommunikation was ändert.
So morgen ist Heiligabend – Kaffee trinken, Krippenspiele und Würstchen mit Kartoffelsalat, bevor es heißt: Alle mal Lächeln, bevor das große Auspacken beginnt. Ja ich freue mich auf morgen und bin (nachdem ich nun etwas Anspannung hier lassen konnte) hoffnungsvoll gestimmt und versuche auf meine innere Ruhe, die mich hoffentlich morgen früh findet, zu vertrauen, ansonsten genieße ich die Vorfreude auf den wohl am meist herbeigesehnten Tag im Jahr, entweder Vorfreude, dass er endlich kommt oder dann bald vorbei ist. Tja nun steht er direkt bevor und kein Schnee in Sicht, aber das ist ja schon normal und nicht der Hauptgrund für Weihnachten. Dieser ist die Geburt von Jesus – Gottes Sohn der Gottes Liebe zu uns Menschen symbolisiert und durch ein kleines unscheinbares Baby verändert er eben mal die Welt, wenn das mal kein Wunder ist, welches man feiern sollte. Seit Jesu Geburt leben wir in der Zeit nach Christus, mit Jesus begann eine neue Zeit. Eine Zeit in der nicht alles perfekt ist, in der es Krankheiten, Katastrophen, Anschläge, Krieg, Gewalt, Hass und vieles Schreckliche mehr immer wieder an der Tagesordnung sind. Angst und Zweifel beschäftigen uns, aber es gibt auch Liebe und Hoffnung, was bringt es sich in Angst zu verlieren, sie groß werden zu lassen, ja sie ist da, aber die Hoffnung genauso. Diese sollte man suchen und schenken.

Ich wünsche Jedem besinnliche und hoffnungsvolle Weihnachten, möge Jeder Freude und Ruhe finden in den Weihnachtsfeiertagen und Genuss verspüren 🙂

 

4 Gedanken zu “Nach 4 Tagen

  1. ….es geht nicht um das viele „tolle“essen oder um die Versuchung,die Gefühle und die Bedürfnisse die dahinter stecken die müssen wir wahrnehmen oder erst mal erkennen wir neigen dazu uns alles schín zu reden und“stark“zu sein,fühlt sich ja gut an!!!Man kann 5 Wochen tapfer sein aber das ist nicht die Lösung,eingestehen von Bedürfnissen und Gefühlen ich glaube das ist der Weg. … Es ist so schwer aber ich werde nicht auf geben meine Bedürfnisse zu erkennen…..

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    1. Ich denke schon, dass das Essen und das Verlangen einfach eine große Rolle spielen, weil es für uns ein Mittel geworden ist mit unseren Gefühlen umzugehen. Und irgendwann hat sich das verselbstständigt, nicht hinter jedem Fressanfall oder hinter jedem Mal kotzen steht ein Problem, es fühlt sich einfach gut an. Ja wir müssen hinter die Kulisse schauen, ohne Grund habe ich die Essstörung nicht, aber um das zu können muss ich stark sein und die Symptomatik schwächen. Man muss der Essstörung einen Arschtritt verschaffen um zu sehen, auf welchen Bedürfnissen sie sitzt. Zu merken, dass man es schafft, auf das kotzen zu verzichten, gibt Kraft um dahinter aufzuräumen und zu sehen das man auch das schaffen kann. Aber alleine auf die Gefühle hören und auf die eigenen Bedürfnisse schauen, löst nicht das Problem mit dem kotzen, denn es ist eine Sucht, an der man irgendwie Gefallen hat, sie gibt Halt und gibt ein gutes Gefühl, um herauszufinden was diesen Platz einnehmen könnte muss man stark sein und sich auch mal einreden, dass es gerade super klappt, denn so bekommt man Kraft. Aber ich denke da sollte jeder seinen eigenen Weg finden.
      Ich wünsche dir viel Kraft und Hoffnung und Erfolg, behalte deinen Willen, lass dich nicht unterkriegen und kämpfe weiter! Ich bin in Gedanken bei dir 😉

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