Der Schritt ins Leben

Es ist schwer darüber zu schreiben und zu reden und es wird auch immer ein Schamgefühl mitschwingen. Es ist schwer dazu zustehen und sie zu akzeptieren – meine Essstörung. Doch dies ist der Grundstein, um ihr den Kampf anzusagen. Man muss sie sehen und annehmen, sich bewusst machen, dass sie nun einmal da ist. Ich denke, dass gilt für alle Essstörungen, aber auch für so viele andere psychische Erkrankungen. Sie ist ein Teil von mir, hat sich bei mir, in meinem Denken, eingepflanzt. Dies gilt es zu realisieren -realisieren, dass ich eine Essstörung, eine Krankheit habe. Denn wenn man das nicht einsieht, wie soll man sich dann gegen sie behaupten? Kann man durch eine Tür gehen, von der man nichts weiß oder sie nicht sehen will, weil man sie zugemauert hat? Man muss schauen wo die Tür ist, wie groß sie ist, aus welchem Material sie besteht oder in welche Richtung sie aufgeht – wo ist die Klinke? Erst wenn man diese findet, kann man den geschlossenen Raum öffnen, hindurchgehen, hinausgehen in ein neues Leben. Man kann die Klinke drücken, sich gegen die vermutlich sehr schwere Tür stemmen und rausgehen. Draußen ist alles fremd, erschreckend und beängstigend, man hat es jahrelang nicht gesehen. Ich habe ca. 4 Jahre mit meiner Essstörung gelebt, eine Normalität hat sich gebildet, die nun wegfällt. Am liebsten möchte man zurück in den Raum, in die Geborgenheit der Dunkelheit, des Eingeengten. Bei der ganzen Sache kommt es darauf an die Klinke an der Tür zu benutzen, denn so kann man sie von außen zwar wieder öffnen, aber auch schließen. Sieht man die Tür und wirft sich dagegen, will sie mit aller Macht aufbekommen, weil das Dagegenstemmen einfach zu langsam geht und auch sehr kraftaufwendig ist mit der Zeit, dann bricht sie auf. Und mit einem unerwartetem Ruck steht man draußen, doch die ganzen neuen Eindrücke sind zu plötzlich, Gefühle und Reize überrollen einen. Man konnte sich nicht langsam an das Licht gewöhnen. Also flüchtet man sich wieder in den Raum, was leicht ist, da sie kaputt ist und noch offen steht und mauert die Tür wieder zu. Doch es gibt immer eine neue Tür, durch die man einen Neuanfang starten kann. Steht man dann draußen ist die Versuchung immer noch da, wieder in den Raum zu gehen oder sich einen Neuen zu bauen, weil er einfach Sicherheit verspricht. Doch man kann auch lernen eine andere Sicherheit zu finden, sich im Sonnenschein geborgen zu fühlen, und das braucht Geduld, schon beim Tür erforschen und Zeit.

In der Therapie habe ich all das herausgefunden, wenn ich es nicht schon vorher gewusst habe. Aber Wissen und wirklich realisieren, es spüren, sind zwei komplett verschiedene Paar Schuhe. „Wissen tun sie alles Frau T.“-hieß es immer in der Klinik. Ich wusste schon vorher, dass ich eine Essstörung, dass ich Bulimie und Anorexie habe, aber ich habe es einfach nicht gespürt. Doch ich habe es gelernt, ich habe meine Tür nicht mehr vor mir selber versteckt, ich habe sie erforscht und geöffnet, ja ein paar mal vielleicht auf die falsche Art und Weise, weil Geduld mit mir selbst ist nicht meine Stärke. Ich würde mich generell als sehr geduldig beschreiben und bin es bei anderen auch, aber bei mir selber, wenn ich etwas nicht von jetzt auf gleich hinbekomme? Ne da habe ich keine Geduld. Denn den Willen die Essstörung loszuwerden, was zu verändern, habe ich, hatte ich schon vor der Klinik, sonst wäre ich nicht hin. Also habe ich die Tür mit aller Macht aufgebrochen, habe aufgehört zu kotzen, habe gegessen, habe zugenommen, aber verdammt das ging alles zu schnell, die neue Welt hat mich total überrollt, ich habe mich nicht mehr zurecht gefunden, mein Schutz war weg, also bin ich wieder und wieder in den Raum geflüchtet, aber bin auch immer wieder rausgegangen. Habe sogar dann die Klinke benutzt und die Tür hinter mir zugeknallt. Ich will das nicht mehr, ich will nicht mehr eingesperrt in einem Raum vor mich hinleben, ich will die Sonnenstrahlen spüren, die Vögel zwitschern hören, über eine Blumenwiese tanzen. Ich kann das schaffen, das ist mir bewusst geworden, aber ich bin nicht „geheilt“, weil ich in der Klinik war oder nicht mehr kotze, nein die Tür ist, auch wenn ich sie erstmal geschlossen habe, immer noch da. Das Wichtigste, was ich aus der Therapie mitgenommen habe ist, dass die Gedanken an das Kotzen, an das Hungern, an die Zahl auf der Waage da sind und noch lange da sein werden, Gedanken kommen und gehen unbeeinflusst. Sie gehören nun einmal zu mir, zu der Krankheit, sie zu unterdrücken, zu verdrängen, sie versuchen einfach nicht zuzulassen macht es nur schlimmer, ich muss sie wahrnehmen. Denkt doch mal nicht an eine Sache an die ihr denkt. Die Gedanken werden durch ein mit aller Macht verdrängen immer stärker. Ich kann mich aber entscheiden ob ich auf sie höre, sie ausführe oder nicht. Hat man das kapiert und sagt sich einfach „Ach gucke mal da, die Gedanken wollen wieder kotzen gehen. Aber ich bleibe jetzt hier sitzen und unterhalte mich weiter“, dann werden sie mit der Zeit weniger und und sind auch nicht mehr so fordernd. Lass ich von den „kranken“ Gedanken mein Handeln bestimmen oder bestimme ich selbst? Denken und Handeln sind zu trennen und da bin ich gerade noch mitten dabei das zu lernen. Ja die Essstörung ist ein Teil von mir, jedoch gibt es auch einen Gegenpart, den Teil des „Ich-Selbst“. Diese Teile gilt es trennen zu lernen und sich auf das selbst zu konzentrieren. Zu schauen, warum brauche ich die Essstörung? Ist es ein Schutz für mein Selbst, einfach ein Halt oder eine Vorgabe? Ich habe auch einen eigenen gesunden Willen, und wenn ich es will kann ich durch die Tür gehen, doch zwingen kann man dazu niemanden. Ich muss die Entscheidung selber treffen durch die Tür zu gehen, und dann „draußen“ zu leben. Und ja ich denke ich kann sagen, in der Therapie bin ich durch die Tür gegangen, den ungewissen, aufregenden, neuen, hoffnungsvollen Weg, der vor mir liegt, kenne ich noch nicht, aber den Weg hinter mir der zur Tür führt, den werde ich wohl ewig sehen.

 

5 Gedanken zu “Der Schritt ins Leben

  1. Du nenne ich mal Mut, sich in der Öffentlichkeit vor Millionen von Menschen zu diesem Thema zu äußern, dazu zu stehen und über deine Erfahrungen zu schreiben.
    Mach weiter so du schaffst das und hilfst durch diesen Blog sicher auch anderen denen es so geht dagegen anzukämpfen und es zu überwinden.

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  2. Neuer Tag neues Glück 🍀 die letzten Tage waren hart,mir tun die Hände vom kotzen weh,der Hals tut weh aber die Gedanken sind viel schlimmer „ich versage jeden Tag“ aber ich werde nich aufgeben.ich bin auf dem richtigen Weg nur immer wieder biege ich nochmal falsch ab davon lass ich mich Grad zu sehr unter kriegen,die sucht is so stark!!!!Ich finde den Anfang Grad nicht mehr……Neuer Tag neues Glück 🍀 ich bin doch Optimist

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    1. Ich verstehe dich total und kann nachvollziehen, wie du dich fühlst. Die Versagensvorwürfe sind die schlimmsten. „Jetzt habe ich eh schon versagt, da kann ich auch nochmal kotzen gehen…“Es ist eine Sucht, der Weg zu Toilette scheint sich von selbst zu finden, das Verlangen zu befriedigen scheint automatisch abzulaufen. Manchmal kam ich mir vor, wie ein Roboter. Die Gedanken, sind stark und es scheint keine anderen zu geben. In der Klinik haben sie immer gesagt „schauen sie auf das was sie schon geschafft haben“. Aber das hilft nicht, es ist alles scheiße gerade. Du kotzt nochmal und nochmal. Du versagst wieder und wieder und fühlst dich schlecht. Und was machen wir wenn wir und schlecht fühlen und alles gerade beschissen ist? Kotzen. Es ist ein Kreislauf, ein Strudel und es ist egal was mal war. Aber du kannst schauen was kommt, heute neu anfangen, wie du schon geschrieben hast. Du hast versagt in den letzten Tagen, die Krankheit war einfach stärker, du hast ihr die Oberhand gelassen. Aber du kannst dich entscheiden ob du diesen Weg weiter gehen willst, ob du immer wieder auf den Zweig des Kotzens oder ob du heute und morgen noch weiter in den Strudel hineinschwimmst oder ob du dich den Versagensängsten stellst, die Vorwürfe nicht belegst. Das Verlangen wird da sein, die Versagensvorwürfe auch, aber du musst sie nicht annehmen. Lass sie einfach da sein, aber sage dir, „ich zeige, das es falsch ist und gehe nicht kotzen.“ Ich weiß es ist Weihnachten un bei dem viel zu vielen Essen ist es schwer zu widerstehen, aber du bist eine starke Frau, die den Willen besitzt. Auch wenn es dir vorkommt als hättest du gerade keine Kraft, du hast immerhin den Mut es zu versuchen, traue auf deinen Optimismus. Wenn die Gedanken, das Verlangen nach einem Fressafall kommt, dann freu dich, sage dir „Hui, na da ist es wieder, hab schon lange auf dich gewartet“ Doch es sind nur Gedanken, es ist keine Anleitung, die ausgeführt werden muss. Indem du den Gedanken wahrnimmst ihn „begrüßt“ kannst du entscheiden, ob du auf ihn hören willst. Was fällt dem Gedanken ein, jetzt gerade zu kommen? Du hast jetzt keine Zeit, lass ihn vorbeiziehen, entscheide dich ihn nicht auszuführen. Denn mit jedem Fressanfall entfernst du dich von deiner Familie und Freunden ein Stück weiter. Stelle sie auf die Alternativseite zum kotzen. Schwimme aus dem Strudel hinaus zu ihnen und lass dich nicht noch weiter runter ziehen! Du kannst es schaffen, wenn du es willst.
      Ich wünsche dir für heute viel Kraft und einen starken Willen. Ich bin in Gedanken bei dir und hoffe das du es schaffst heute trotzdem ein paar Stunden zu genießen.

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