Der Stand der Dinge

Tja, das war es also… 14 Wochen stationäre Therapie liegen mit dem heutige Tag nun hinter mir. Weshalb ich in Therapie war? Wegen meiner Essstörung, ein Mix aus Anorexie und Bulimie. Nach dem Ende kann ich nun sagen: Es war sinnvoll und richtig die Therapie gemacht zu haben! Ich habe viele Erkenntnisse gewonnen und das, was ich wusste etwas realisieren können. Doch es war nur ein Anfang, es liegt noch ein langer Weg, ein anstrengender Kampf vor mir, das habe ich verstanden. Ich bin weit davon entfernt „geheilt“ zu sein, nur weil ich eine Zeit lang mal nicht gekotzt habe. Die Essstörung ist wie ein zweiter Teil von mir, in meinen Gedanken, und sie ruft immer wieder. Durch den Klinikaufenthalt fand ich den Willen gegen die Essstörung zu kämpfen und auch die Gewissheit, dass ich die Stärke und Kraft habe ohne sie zu leben, irgendwann. Ich habe verstanden, dass ich eine Essstörung habe, sie mich kontrolliert, dem Tod nahe gebracht hat und immer noch präsent ist, aber auch, dass ich ohne sie leben will und kann. Doch es braucht Geduld, denn Gedanken und Verhaltensmuster, die sich jahrelang in das Gehirn eingebrannt haben, sind nicht mal eben wegzutherapieren oder gar zu überschreiben. Die Essstörung gibt, wie ein Haustier Halt und Anerkennung, die man sich nicht selbst geben kann, weil man es nie gelernt oder verlernt hat. Das Gehirn muss sorgfältig neu verknüpft werden, was leider seine Zeit braucht, so gehören auch Rückfälle einfach zum Gesund werden dazu. Dabei gilt ganz der schöne Spruch: „Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten und weitergehen…“. Wobei ich noch etwas Glitzer verstreue, einfach weil es am Platz wo man lag dann schöner aussieht und es jetzt funkelt auf dem weiteren Weg, obwohl ich nach außen echt nicht wie so ein Mädchen wirke, aber ein bisschen Prinzessin schadet nie. 😛  Ok, aber nun wieder zurück zum Thema. Ich hatte also nun letzte Woche meine letzte Musiktherapie, meine letzte Physiotherapie, die letzte Kommunikative Bewegungstherapie und Bildervisite (das letzte Mal Bilder malen), das letzte Gruppenbild, den letzten Gruppenausgang, das letzte Mal Essstörungsgruppe, habe mein letztes Essprotokoll (insgesamt waren es um die 90) angefertigt und dieses zum letzten Mal besprochen, ich hatte die letzte Gruppenstunde und dann heute noch die letzte Einzeltherapiestunde… So nun sitze ich zu Hause und wie fühle ich mich (eine Frage die mir auf alle Fälle nicht zu wenig gestellt wurde in den letzten Wochen)? Schwerer und dicker… Da ist sie wieder, die Essstörung. Ja ich habe zugenommen, aber das musste ich doch auch, zumindest wollte mein wahres, gesundes Ich das und außerdem ist nun alles (Gewicht, BMI, Elektrolyte, Darmtätigkeit) wieder im grünen Bereich. Ich fühle mich ausgelaugt und müde, ja ich bin fertig und habe es satt, es reicht erstmal, mich die ganze Zeit eigentlich nur mit einem Thema, nämlich mir, meinen Problemen und denen der anderen zu beschäftigen ist echt anstrengend. Aber ich spüre auch, dass ich gestärkt und bestärkt bin, neuen Mut gefasst habe und erwartungsfreudig in die Zukunft blicke. Dennoch schwingt auch eine Unsicherheit mit, was wird sich entwickeln? Der Halt und die Unterstützung der Klinik, der lieben, verständnisvollen und fast immer ratwissenden Schwestern und Therapeuten/innen, fallen weg. Mein Tagesablauf wird völlig auf den Kopf gestellt, 14 Wochen bin ich einem strukturierten Therapieplan gefolgt, es hat sich eine Routine entwickelt. Das was mich vielleicht ängstigt, was ich nie zugeben würde (aber dazu einmal mehr, unter dem Kapitel Gefühle), sind gar nicht vordergründig die geregelten Mahlzeiten, die wegfallen, sondern die Gemeinschaft, das Beisammensein, die Therapieeinheiten die nicht mehr existent sind, das was alltäglich war ist jetzt nicht mehr da. Doch ich habe Pläne, Pläne, die mir Hoffnung und Kraft geben, Pläne die ich verwirklichen will, was ich mit einer Essstörung, die mich kontrolliert nicht kann. Eine Schwester in der Klinik sagte einmal: „Es geht darum sein Leben selbst zu leben und nicht gelebt zu werden.“ Ja ich will selbst entscheiden was ich mache und nicht bestimmt von der Krankheit durch mein Leben rennen. Ich werde über Silvester als Betreuerin auf eine Behindertenfreizeit fahren, dies ist genau die Arbeit die mir Spaß macht und einfach liegt und ich in den Vorstellungen von meiner Zukunft auch nach meinem Studium ausüben werde. Doch bevor ich im April weiter studiere, bezwinge ich den Jakobsweg. Aber nicht den „normalen““Camino Frances“, denn das wäre ja zu langweilig ich werde 1000 km die „Via de la Plata“ pilgern. Dabei habe ich vor einfach rauszukommen, was zu erleben, aber auch nachzudenken, runter  zu kommen und mit meinem Glauben zu mir selbst zu finden, oder zumindest einige Schritte in diese Richtung zu gehen. Und genau auf diese Reisen werde ich hinarbeiten, mir durch die Vorfreude halt suchen und planen planen planen und natürlich vorbereiten und packen.

In meinem Blog werde ich auf der einen Seite in kommender Zeit über den Umgang mit meiner Essstörung schreiben, dabei vor allem erklären, oft auf bildlicher Ebene, wie ich die Essstörung sehe und was ich in der Therapie erreicht habe. Das Ziel speziell was zu erreichen habe ich nicht, denn ich muss lernen meine Anforderungen und Erwartungen vor allem an mich selbst runter zu schrauben (wurde mir in der Therapie geraten). Dennoch hoffe ich anderen Betroffenen helfen und vor allem Kraft und Zuspruch zu geben und Interessierten versuchen erklären zu können, wie eine Essstörung „funktioniert“. An dieser Stelle möchte ich sagen, bei Schilderungen und Themen betreffend der Essstörung geht es um meine Gedanken. Es sind Gefühle, Ansichten, Erfahrungen und Erlebnisse, die ich mit meiner Essstörung gemacht habe. Dabei spielen natürlich auch manchmal Ansichten und Ausprägungen von anderen Betroffenen, die ich kennengelernt habe mit hinein. Aber jede Essstörung ist anders, zeigt sich anders und prägt sich anders aus, man kann sie nicht auf einen Nenner bringen oder Schilderungen verallgemeinern und vereinheitlichen. Dies ist nicht meine Absicht. Wenn ich etwas zu dem Thema blogge beziehe ich mich alleine auf mein Erleben und meine Erfahrungen und versuche das, wie ich es sehe begreifbar zu machen. Doch es soll sich nicht alles nur um Essstörungen drehen, aber da sie nun einmal einfach zu mir dazugehört, wird sie immer mitschwingen. Auf der anderen Seite werde ich natürlich von „meinem“ Jakobsweg berichten. Zudem werde ich in naher Zukunft eine kleine Geschichte, von einem Eisvogel der unbedingt die Wolken erreichen will, hochladen.

 

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